german version only - sorry. Whoever wants to translate this stuff please contact me.

Minimal music, Philip Glass und seine Oper "Orphée"


Einleitung

Minimal music, Repetitive Musik, Meditative Musik - hinter diesen Begriffen1 steht eine in den 1960er Jahren in Amerika entstandene Musikrichtung. Zu umfangreich und unterschiedlich zeigt sich diese neue Musik und zu verschieden sind die Konzepte und Arbeitsweisen ihrer Vertreter2., als daß sie mit einem Wort treffend beschrieben werden könnte. Im theoretischen Umgang mit minimalistischen Werken wurde immer versucht, sie in eine bestimmte Schublade zu stecken, sie einer bestimmten Richtung zuzuordnen - wie auch der Begriff "minimalistisch" schon einordnend ist.3 Die Kommentare stützen sich dabei auf unterschiedliche Merkmale der minimalistischen Musik (s.u.) und weisen einem dieser Merkmale den Rang eines vorherrschenden Charakteristikums zu. Für Ulrich Dibelius ist dies das Repetitive und Minimale4, Hermann Danuser wiederum sieht das Minimale und Meditative als hervortretende Merkmale, bezeichnet hingegen die Musik von Steve Reich z.B. als "Repetitive Musik".5 Das Minimalistische aber scheint jedenfalls überall aufzutauchen, und der Terminus "minimal music" hat bei aller Ungenauigkeit einen schlagwortartigen Charakter angenommen und meint nicht mehr nur das Minimale in der Musik. Wegen der weiten Verbreitung soll diese Bezeichnung auch in dieser Arbeit weiter Verwendung finden.

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Merkmale der minimal music

In der minimal music lassen sich folgende Merkmale feststellen:6


zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die drei in der Einleitung genannten Begriffe minimal music, Meditative und Repetitive Musik sollen im folgenden erläutert werden.


Minimal Music

Der Begriff "minimal music" stammt aus dem amerikanischen Sprachraum und bezeichnet gleichzeitig das kulturelle Umfeld seiner Entstehung. Die inhaltliche Nähe zur minimal art - diese Bezeichnung schuf der Philosoph Richard Wollheim im Jahr 1965 - ist damit auch begrifflich erfaßt. Prinzipien der minimal art gingen in die Konzeption der minimal music über und deuten zugleich die räumliche und kulturelle Nähe der Auffassungen an.9
Kennzeichnend für die minimal music ist eine größtmögliche Einfachheit der musikalischen Machart sowie eine starke Reduktion des einzusetzenden musikalischen Materials. Dies betraf vor allem Tonvorrat und -umfang und die Möglichkeiten ihrer Ausformung - die üblichen kompositorischen Mittel wie Rhythmisierung, Umkehrung der Tonfolgen etc.. Damit einhergehend setzte eine neue Auffassung des Zeitbegriffs ein. Zeit wurde gedehnt, die zeitliche Ausdehnung der Musik steigerte sich teilweise auf mehrere Stunden.10
Der Terminus minimal music sieht nur einen Teilaspekt der Musik, nämlich die Reduktion des Materials auf kleinste Teile und "patterns". Nicht berücksichtigt werden dabei wirkungsästhetische Aspekte oder auch rein formale Äußerlichkeiten. So gibt es Stücke, die in ihrer Konzeption auf eine Aus- und Aufführungsdauer von mehreren Stunden angelegt sind, bei La Monte Young (s.u.) findet man gar Konzepte von mehreren Tagen, Wochen, Monaten...

Schon bei der Betrachtung der Werke von La Monte Young über Terry Riley und Steve Reich zu Philip Glass wird das weite Feld deutlich, das mit "minimal music" zusammenfassend beschrieben wird - inhaltliche Aussage kann dieser Begriff nicht sein - und die Komponisten minimalistischer Werke wehren sich oft vehement gegen eine Etikettierung. Der Komponist Louis Andriessen sagt beispielsweise:
"Ich habe diesen Begriff nie geliebt, für mich war das repetitive Element immer wichtiger als der sogenannte Minimalismus."11
Philip Glass bemerkt:
"Der Begriff 'Minimalismus' wurde von Journalisten erfunden [...] Die Frage ist: habe ich überhaupt jemals minimalistische Musik geschrieben? Ich wäre damals jedenfalls nicht auf den Gedanken gekommen, meine Musik so zu nennen. Ich hielt meine Musik für Bühnenmusik."12
Zur Entstehung und Konzeption der minimal music sagt Glass außerdem:
"Was die Minimal Music betrifft: Die bekannteste musikalische Bewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist sicherlich die Serielle Musik, die aus dem Kreis der Komponisten um Maderna, Berio, Stockhausen, Boulez usw. in Darmstadt hervorging. [...] Diese Bewegung zeichnete sich durch eine geschlossen historische Perspektive aus, und sie erstarrte sehr schnell im Formalen, was wahrscheinlich in ihren europäischen Ursprüngen begründet lag. Die minimalistische Bewegung [...] war gar keine Bewegung im eigentlichen Sinne. Es ging im Wesentlichen um zwei Dinge: Die Grundidee war, daß die Musiksprache übermäßig intellektualisiert war; sie war so obskur geworden, daß das Publikum keinen unmittelbaren Zugang mehr zu ihr finden konnte - und gerade die Kommunikation mit dem Publikum war für uns sehr wichtig. Als wir sahen, wie wütend und hysterisch viele Leute reagierten, wußten wir, daß wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten.
Das zweite, was diese Komponistengeneration tat: Sie wurden alle Performer. Performances waren eine weitere Möglichkeit, sich deutlich von der 'akademischen' Musik abzusetzen."13

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Meditative Musik

Eine wirkungsästhetische Betrachtungsweise führte zur Bildung des Begriffs der Meditativen Musik. Es werden rein subjektive Erfahrungen und Empfindungen zur Beurteilung und Klassifizierung verwendet. Alle über das Hören hinausgehenden Eckpunkte und strukturellen Merkmale werden außer Acht gelassen. Das birgt die Gefahr in sich, daß die minimal music schnell in den Bereich "billiger" Unterhaltungsmusik abgedrängt wird; hier ist vor allem an die Bereiche "New-Age-Musik", kommerzielle Meditationsmusik14 und dauerberieselnde Gebrauchsmusik - wie im Supermarkt 15 - zu denken. Davon zeugen Formulierungen wie "Das süße Gift einer [...] klangschwelgerischen Minimal-Musik-Generation"16 und "[...] eine Terminologie, die sich zentral um die Pole 'Trance', 'Sucht' oder 'Narkose'" dreht.17
Primärer Ansatzpunkt für eine Benennung als Meditative Musik ist die Wirkung der Musik auf die menschliche Psyche18. Als hervortretende Merkmale seien hier ein er weiterter Zeitbegriff und das Element der gleichförmigen Wiederholung genannt, die bei manchen ausgedehnten Werken etwa von La Monte Young oder Philip Glass durchaus Ähnlichkeit mit meditativen Klängen aufweisen. Allerdings scheint es unangemessen, modeabhängige, Popularität und kommerziellen Erfolg kalkulierende Gebrauchsmusik den Stücken minimalistischer Komponisten an die Seite stellen zu wollen, da diese ganz anderen Ansprüchen und Grundvorstellungen entspringen. Unbestritten bleibt die Nähe einiger "Minimalisten" wie Philip Glass oder Michael Nyman zum Rock- und Popmusikbereich oder der Einfluß indischer Musik auf die "Gründungsväter" - gerade die indische Musik ist stark durch die indische Meditationslehre geprägt, diese spielt aber letztlich für die minimal music nur eine theoretische Rolle.19 Im übrigen bleibt es Sache des Hörers, ob er die Musik als meditativ empfindet oder nicht.

"Wer meditieren will, braucht vielleicht diese Musik. Wer diese Musik hört, kommt vielleicht zum Meditieren."20

zurück zum Inhaltsverzeichnis

Repetitive/Periodische Musik

Die Bezeichnung als Repetitive Musik greift das Merkmal der gleichförmigen Wiederholung als Charakteristikum auf. Oft wird der Zwang zur Wiederholung oder Periodisierung als Mangel, als fehlende kompositorische Idee gesehen, den es zu vertuschen gilt.21 Repetition wird mit Monotonie gleichgesetzt und daraus resultierende Langeweile impliziert.
Eine andere Sichtweise wäre, daß man Repetition als Mittel zur Kontinuität versteht. Stetige Wiederholung des sich nur langsam verändernden Materials führt schließlich - durch eine stetig vorangetriebene Entwicklung - auch zum Erreichen eines Ziels.


zurück zum Inhaltsverzeichnis


Die "Gründungsväter"

Die Minimalisten wurden in ihren Ideen durch verschiedene Faktoren beeinflußt. Außereuropäische (besser: nicht-westliche) Musik spielte bei allen eine wichtige Rolle, vor allem indische und afrikanische Musikstrukturen waren wichtige Vorbilder.
Desweiteren hat gerade John Cage viele bahnbrechende Ideen gehabt, die einigen Einfluß auf die Minimalisten hatten.
Seit ihrer Entstehung hat sich die minimal music in ihrem Erscheinungsbild gewandelt und sich von ihrer eigenen Doktrin entfernt.22
Im folgenden sollen die vier "Gründungsväter" nebeneinandergestellt und ihre wechselseitige Beeinflussung aufgezeigt werden.23
zurück zum Inhaltsverzeichnis



La Monte Young (*1935)

Das vielleicht minimalste Element der Musik, der einzelne, frei schwingende Ton mit allen seinen Obertönen und dadurch in allen möglichen Ausformungen - das ist das zentrale Thema, das La Monte Young in seiner letzten Kompositionsphase umkreist.24
Stark beeinflußt durch die Ideen von John Cage und seine Erfahrungen aus Jazzmusik und experimenteller elektronischer Musik wandte er sich der Erforschung der Frequenzspektren zu und ließ die Ergebnisse in sein kompositorisches Schaffen einfließen.
Young machte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Bereich des Jazz. Selbst ein guter Saxophonist, brachte ihn seine Bekanntschaft mit innovativen Künstlern wie Konitz, Dolphy und Coltrane bald in eine Richtung, die neue Aspekte und Spielweisen beinhaltete. Harmonisch ungebundene Improvisation, Vierteltonschritte, Imitation von Naturgeräuschen und rein klangfarbenorientiertes Spiel fanden Eingang in sein Musikverständnis.
Während eines Kompositionsstudiums u.a. bei Leonard Stein, einem Schüler Schönbergs, besuchte er auch die Darmstädter Ferienkurse für neue Musik. Hier kam er in Kontakt mit Karlheinz Stockhausen und John Cage. Die Beschäftigung mit Stockhausen führte zu einer Abwendung von seriellen Kompositionsprinzipien, die Ideen von Cage hingegen nahmen starken Einfluß auf Young.
Im weiteren Verlauf der Entwicklung Youngs kam die Einbeziehung elektronisch erzeugter Klänge und die Verwendung von Tonbandgeräten hinzu. Gerade diese Geräte ermöglichten die Modulation des Tones, die Erforschung und Veränderung der Frequenzspektren und den Einsatz von elektronischen Verfremdungseffekten - Phasenverschiebungen, dauernde Wiederholung, Zeitlupe und -raffer. In der Verwendung dieser Geräte ist hier eine Gemeinsamkeit mit anderen Komponisten der minimal music festzustellen.
Die Beschäftigung mit indischer Musik ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den vier "Urvätern". Bei Young war es die intensive Beschäftigung mit indischen Gesangstechniken durch das Studium des indischen Kunstgesanges bei Pandith Pran Nath. In monatelanger ausschließlicher Beschäftigung mit der eigenen Stimme und indischer Meditationsweise erlernte er die genaue Kontrolle der Stimme gerade in Bezug auf die Ausbildung von Obertönen.
Sein Hauptinteresse verlegte sich von Melodiebildung auf Harmoniebildung im Sinne der Obertöne. Young ging hier einen Sonderweg, er sah schließlich sogar die temperierte Stimmung als hinderlich an - da die temperierte Stimmung nicht auf die Obertöne gestimmt ist, sondern nur eine Kompromißstimmung für mehr Flexibilität in Tonartwechseln darstellt - und schrieb nur noch Stücke für Instrumente in reiner Stimmung.25 Außer ihm befaßte sich nur noch Terry Riley mit Experimenten in reiner Stimmung, jedoch nicht in so ausschließlicher Weise wie Young, während die anderen "Minimalisten" bei der temperierten Stimmung blieben und dies auch nicht als Mangel sahen.
zurück zum Inhaltsverzeichnis



Terry Riley (*1935)

Terry Riley kann als der zweite Minimalist bezeichnet werden. Er lernte La Monte Young im Jahr 1960 kennen, als dieser bereits seine ersten minimalistischen Kompositionen machte. Young konzentrierte sich schon auf seine lang ausgehaltenen Töne, wohingegen Riley sich mehr von repetitiven Momenten beeinflussen ließ.26 Als sein bekanntestes Stück in repetitiver Technik gilt "In C" (1964).27
Daneben beschäftigte sich Riley mit den Möglichkeiten, die ihm die moderne Tonbandtechnik bot. Bandgeräte und die damit verbundenen Möglichkeiten der Wiederholung, Verzögerung und Phasenverschiebung fanden Verwendung in seinen Kompositionen.
Der enge Kontakt mit Young führte Riley in die Nähe der indischen Musik. Er ließ sich von Youngs Begeisterung für die reichhaltige indische Tonskala mit ihren vielen Schattierungen anstecken und begab sich mit ihm für einige Zeit nach Indien, um gemeinsam die indische Gesangstechnik zu studieren.28
Rileys weiteres kompositorisches Schaffen entstand in dem Bemühen, westliche und indische Kultur zu vereinen.29
zurück zum Inhaltsverzeichnis



Steve Reich (*1936)

"Musik als gradueller Prozeß" heißt ein Aufsatz Reichs, in dem er seinen kompositorischen Schwerpunkt erläutert.30 Gemeint ist hier der Anteil der minimal music an seinem gesamten Schaffen, denn Reich war da sehr vielseitig. Neben seinem Schlagzeugstudium beschäftigte er sich mit Jazz, aber auch der afrikanischen Trommelkunst. Desweiteren studierte er auch Komposition, u.a. bei Milhaud und Berio. Ein Vorbild fand er in Weberns Schaffen, in dem er eine radikale Geste zu sehen meinte:
"Webern billigte alles, was auf extrem kleine Maße eingestellt war. Sie [seine Werke] hatten extrem weniger Noten, als man erwartet hätte. Ich klinge freilich gar nicht wie Webern, aber ich glaube, daß besonders am Anfang mein Denken sehr wohl von Webern geprägt war."31
Hier deutet sich schon Reichs Neigung zu minimalen Formen an, und mit serieller Musik hatte er sich zwar beschäftigt, konnte sich aber nicht so recht dafür begeistern.
1965 arbeitete er mit Terry Riley an der Realisation dessen Werkes "In C" mit, wo er weitere Anregungen zu eigenen, jetzt minimalistischen Werken, erhielt.
Steve Reichs eigene Tätigkeit als Schlagzeuger schlug sich ganz bedeutend in seinen minimalistischen Kompositionen nieder. Einerseits schrieb er viele Stücke für verschiedenste Perkussionsensemble, an dererseits setzte er sich stark mit rhythmischen Problemen auseinander. Er beschäftigte sich ebenfalls mit den Möglichkeiten elektronischer Klangquellen und -reproduktion, besonders die allmähliche Verschiebung gleicher Abschnitte gegeneinander mittels parallel lau fender Bandgeräte führte ihn zu seiner Theorie der Phasenverschiebungen. Sein Hang zur live-Musik führte ihn vor das Problem, die elektronisch erzeugbaren Phänomene auf den Menschen umzusetzen.32
Seine Kompositionen wie "piano phase" oder "violin phase" zeugen von diesen Versuchen. Weitere Stücke wie die "clapping music" (1972) zeigen einen weiteren Schritt, nämlich von der graduellen Phasenverschiebung zum unmittelbaren Phasenwechsel, dem Wechsel zwischen rhythmischen Grundmodellen ohne einen allmählichen Verschiebungsprozeß.
Ziel dieser ganzen Prozeduren war eine Musik, die von den immer neu entstehenden Schwerpunkten lebt.
zurück zum Inhaltsverzeichnis



Philip Glass (*1937)

Philip Glass stieß 1965 zu dem Kreis der "Minimalisten". Bislang hatte er konventionell "atonal" komponiert, bekam aber in Paris Eindrücke vermittelt, die zu einem radikalen Umschwung in seinem musikalischen Schaffen führten. 1965 befand Glass sich in Paris, um bei Nadia Boulanger Komposition zu studieren. Er war jedoch schon nicht mehr mit sich zufrieden, war der Meinung, nur die Musik seiner Lehrer kopiert zu haben und war auf der Suche nach einer Identität.33
Viel wichtiger für ihn war jedoch die Arbeit mit dem indischen Komponisten und Interpreten Ravi Shankar und dem Tabla-Spieler Alla Rakha, die ihm die ersten Einblicke in die komplizierte indische Musik gaben. Seine Faszination an deren andersartiger Struktur führte schließlich zu seinem Bruch mit den akademischen Traditionen, denen er sich bislang noch verpflichtet gefühlt hatte. Letztlich blieb der Einfluß der indischen Musik für Glass aber zweitrangig und war nur Auslöser für seine musikalische Weiterentwicklung.34
Nach seiner Rückkehr aus Indien traf er in New York auf seinen früheren Studienkollegen Steve Reich. Dieser schrieb bereits minimalistische Musik. Philip Glass änderte seine ästhetische Auffassung radikal und schrieb, von Reich beeinflußt, zunächst Stücke mit äußerst reduziertem instrumentalen Aufwand, harmonischer Statik und ständiger Wiederholung des selben rhythmischen und melodischen Materials in gleichförmiger Bewegung.
Den Begriff "additive Prozesse" erfand er für sein Verfahren, die melodische oder rhythmische Struktur durch Hinzufügen einzelner Noten langsam zu verändern.
"Die grundlegend anderen Strukturen der Musik Asiens, die nicht wie die europäische die Zeit unterteilt, sondern sich aus kleinen, sich addierenden Einheiten in der Zeit entwickelt, wurden zum Fundament seines Komponierens."35
Seine ersten Stücke waren noch vom Konstruktionsprinzip beherrscht; Glass experimentierte und fand erst langsam zu seiner eigenen Musiksprache. Er war der Meinung, daß alle kompositorischen Mittel nur dem Zweck dienen, einen bestimmten akustischen Effekt hervorzurufen. "Der Hörer und die Wirkung stehen im Mittelpunkt der Glassschen Philosophie".36 Formale Aspekte wie Struktur und Geschlossenheit waren ihm zweitrangig gegenüber der Klangwirkung, die damit erreicht wurde. Dabei löst sich Glass auch von traditionellen Hörgewohnheiten und Zeitkategorien. Er sieht seine Werke losgelöst von herkömmlichem Zeitempfinden, seine Stücke als ein Ereignis im fortwährenden Kontinuum.37
zurück zum Inhaltsverzeichnis



Der Glass-typische Klang

Philip Glass' Musik ist unverkennbar. Spätestens seit Beginn der 80er Jahre hat er zu seiner unverwechselbaren Musiksprache gefunden, die sich durch alle seine Kompositionen zieht und die wohl auch seinen Erfolg begründet haben mag.38
Besonders hervortretende Merkmale sind:
Das erstgenannte Merkmal ist für Glass auch das wichtigste. Das Prinzip der Vergrößerung oder Verkleinerung der sich beständig wiederholenden Muster führt zu veränderten Abläufen. Dieses Prinzip hat sich Glass von der indischen Musik abgeschaut, ohne jedoch die komplexen Formen dieser Musik mit übernehmen zu wollen. Dazu sagt Glass:
"Die Idee der additiven Struktur, die ich in meiner Musik entwickelte, entstammt der rhythmischen Struktur der indischen Musik, aber meine Musik klingt ganz anders. Bei der indischen Musik entdeckte ich, daß sie aus viel längeren Einheiten als die westliche besteht und durch Aneinanderreihen kleinerer Einheiten gestaltet ist. Ich begann, kleinere Phrasen zu schreiben, die wiederholt werden sollten und dann zur nächsten Figur weitergehen, so daß sich meine Musik aus der Summe all der kleinen, individuellen melodischen Einheiten ergibt. [...] Dennoch bezieht sich jede Figur auf die nächste, durch Addition oder Subtraktion einer musikalischen Einheit."39

zurück zum Inhaltsverzeichnis



Weitere Entwicklung

Philip Glass' Werke wurden immer fülliger und komplexer und entfernten sich in Teilen von minimalistischen Prinzipien.40 Harmonische Elemente wurden strukturbildend, sie bilden Flächen, die in seinem Werk "Another Look At Harmony" von 1975 zusätzlich durch rhythmische Muster voneinander abgegrenzt sind. Auch in seiner ersten Oper "Einstein on the Beach" griff er auf solche Strukturen zurück und verwendete Material aus "Another Look At Harmony", das sich in den ersten Szenen der Oper wiederfinden läßt und das als Ausgangspunkt für weitere musikalische Entwicklungen diente.41
Diese Oper wurde Philip Glass' erster großer Erfolg.42 Der Uraufführung 1976 in Avignon folgten mehr als 30 Aufführungen auf europäischen Festivals und mehrere Veranstaltungen in der New Yorker Metropolitan Opera. Diese Oper markiert den Beginn einer ganzen Serie von Auftragsarbeiten. Bis heute hat Glass mehr als ein Dutzend Opern geschrieben und aufgeführt. Ein erstaunliches Phänomen ist dabei die Tatsache, daß seine Werke ihre entscheidenden Erfolge in Europa hat ten Die wichtigsten Uraufführungen fanden hier statt und sicherten Philip Glass die finanzielle Unabhängigkeit.43
zurück zum Inhaltsverzeichnis



Der Schlüssel zum Erfolg?

Glass wurde mit seiner Musik über Amerika hinaus bekannt.
"Unter den vier Minimalisten ist Philip Glass [...] eindeutig der Popularisierer. Er schaffte es, daß aus einer neuen Musikpraxis für wenige Begeisterungsfähige und Eingeweihte über die tiefe Tabu-Kluft zwischen Pop und Klassik hinweg eine Massenbewegung wurde, die Publikumsschichten - gleich welchen Anspruchs, Bildungsgrads oder sozialen Umfelds - zu mobilisieren versteht und in ihre hypnotisierenden Strudel aus ständig repetiertem Gleichmaß zieht."44
Den Hauptanteil an dieser Popularisierung haben seine Opern, die Glass seit 1976 zu komponieren begann. Der Publikumserfolg steht dabei im Gegensatz zu mancher Zeitungskritik. Die Erfolgsserie begann bereits mit seiner ersten Oper "Einstein on the Beach" 1976, die mit den folgenden Opern "Satyagraha" und "Echnaton" eine Trilogie bildete, die auch in Deutschland große Resonanz fand.45
zurück zum Inhaltsverzeichnis




Alle Rechte vorbehalten. Zitieren mit Quellenangabe erlaubt. Kontakt: Florian Schulte http://www.fschulte.de/form/page1.php