"Orphée" ist Philip Glass' elfte Oper. Sie entstand im Jahr 1992/93 - 16 Jahre nach seiner ersten Oper "Einstein on the Beach". Die Uraufführung von "Orphée" fand am 19. Mai 1993 in Boston statt. Die Europäische Erstaufführung war im August 1993 in Weikersheim/Baden - Württemberg.
Der Titel der Oper weist schon darauf hin, daß wieder mal der alte mythische Stoff des Orpheus in der Unterwelt als Vorlage für eine weitere Oper gedient hat. Dies trifft bei genauerem Hinsehen jedoch nur bedingt zu, denn Glass bediente sich einer fertigen Vorlage, die selbst den mythischen Stoff abgewandelt darstellt. "Orphée" basiert auf dem Drehbuch des gleichnamigen Films von Jean Cocteau. Glass hat selbst das Drehbuch für seine Opernfassung überarbeitet und fast alle Dialoge ungekürzt übernommen; nur die Schauplätze mußten für eine Bühnenfassung teilweise verändert werden.
"Orphée" wird in französischer Sprache gesungen, also in der Sprache der Originalvorlage.
Die Oper besteht aus zwei Akten mit jeweils neun Szenen und wurde von Glass mit einer reinen Spieldauer von ca. 100 Minuten konzipiert. Die Idee zu dieser Oper mag ihre Anfänge in den 60er Jahren haben, als Glass sich in Paris aufhielt.46
Neu war auf jeden Fall die Idee, einen Film als Vorlage für ein Bühnenstück zu nehmen.
"Was spricht gegen einen Film? Für die Menschen unserer Zeit ist der Film zu einer Art Literatur geworden, und damit zu einer legitimen Quelle für eine Oper."47Auf die Probleme und Besonderheiten, mit denen sich Glass dabei auseinandergesetzt hat, wird weiter unten im Text eingegangen.
Die Geschichte dürfte jedem bekannt sein: Orpheus, der Sänger aus Thrakien, bezaubert mit seiner Lyra und seinem Gesang Menschen und Tiere. Als seine Frau Eurydike durch einen Schlangenbiß ums Leben kommt, gelingt es Orpheus, mit seiner Musik sogar die Wächter der Unterwelt zu verzaubern, so daß er ihr folgen kann. Sogar der Tod läßt sich von der Musik dazu bringen, Eurydike wieder freizugeben, jedoch unter der Bedingung, daß Orpheus sie auf dem Rückweg nicht ansehen dürfe. Beunruhigt durch die geräuschlosen Schritte dreht sich Orpheus jedoch kurz vor Erreichen der Welt der Lebenden um, um sich zu vergewissern, daß sie ihm folgt. Dadurch verliert er seine Frau end gültig und wird selbst zu Strafe von den Mänaden zerrissen."Immer wieder hat der Orpheus-Mythos die Musiker fasziniert. Es gibt allein an die vierzig Opern, die die Gestalt des thrakischen Sängers in den Mittelpunkt stellen. "48
"Orpheus, der seine künstlerische Kraft aus der Begegnung mit dem Tod schöpfte, ist für Cocteau Sinnbild des schöpferischen Prozesses schlechthin"49Jean Cocteau (1889-1963) wandte sich 1913 der künstlerischen Avantgarde in Paris zu. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Wortführer der "Groupe des Six". Er schrieb Gedichte, Romane, Drehbücher und Theaterstücke, zeichnete und malte, arbeitete als Journalist, Choreograph, Schauspieler und Film- und Theaterregisseur.
"Das Interessante an Cocteaus Film ist, daß er eine ganz spezifische Orpheus-Version schuf, die in Paris spielt. Der Film ist auch teilweise autobiographisch. Er geht über sein Leben als Künstler. [...] Aber eigentlich geht es in dem Film um ihn selbst und auch um seine Beziehungen zu den anderen Künstlern."50
"[...] vor 30 Jahren war meine Situation noch ganz anders. Ich denke, dies ist ein Projekt, das man erst in einem gewissen Alter in Angriff nehmen kann. Heute, mit 55, glaube ich, Orphée schreiben zu können, mit 30 hätte ich es sicherlich noch nicht gekonnt."51Primär ist der ganze Orpheus-Mythos auch bei Cocteau eine Auseinandersetzung mit Leben und Tod. Die Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten ist auch der Hauptgrund für die Faszination, die der Mythos über Jahrhunderte hinweg ausübt.
"In dieser Oper geht es um Kunst, Tod, Unsterblichkeit und Liebe; das sind die wichtigsten Themen"52Personen:
Das "Café des Poètes" ist Treffpunkt junger Dichter und Künstler. Für den berühmten Orphée empfinden sie Bewunderung - und Neid. Während des Gesprächs mit einem älteren Dichter tritt die Prinzessin in Begleitung von Cégeste ein. Ihre ungewöhnliche Erscheinung zieht Orphée sofort in ihren Bann. Zwischen den betrunkenen Gästen und Cégeste bricht ein Streit aus, den die eingreifende Polizei zu schlichten versucht. Auf der Flucht wird Cégeste von zwei Motorradfahrern angefahren und tödlich verletzt. Die Prinzessin bittet Orphée, gemeinsam mit ihrem Chauffeur Heurtebise Cégestes Körper in ihren Wagen zu tragen. Vor dem Haus der Prinzessin angekommen, tragen die Motorradfahrer den Toten hinein. Orphée folgt ihnen und sieht, wie die Prinzessin Cégeste wiederbelebt und mit ihm durch den Spiegel gemeinsam den Raum verläßt. Orphée will ihnen folgen, verliert aber vor dem Spiegel das Bewußtsein. Heurtebise weckt ihn und bringt ihn nach Hause.
Mit dem Kommissar und ihrer Freundin Aglaonice wartet Eurydice auf Orphée. Sie macht sich Sorgen, weil er zum ersten Mal die Nacht nicht zu Hause verbracht hat, außerdem verunsichern sie Gerüchte, Orphée habe Cégeste verschwinden lassen. Erbost über die Anwesenheit der Fremden in seinem Haus wirft Orphée Aglaonice hinaus. Er ist von seinen Erlebnissen mit der Prinzessin so gefesselt, daß er alle Fragen und Vorwürfe von Eurydice ignoriert. Um Eurydice zu beruhigen, erzählt ihr Heurtebise seine Version der nächtlichen Ereignisse.
Orphée ist fasziniert von den Botschaften aus der Unterwelt, die er ständig aus dem Radio empfängt. Heurtebise warnt ihn vor dem Einfluß dieser Stimmen.
Auf Anordnung des Kommissars begibt sich Orphée in die Stadt. Dort sieht er die Prinzessin und will ihr folgen. Es gelingt ihm jedoch nicht, sie zu erreichen.
Eurydice erwartet ein Kind von Orphée und fühlt, daß er sich immer mehr von ihr abwendet. In ihrer Verzweiflung will sie zu ihrer Freundin Aglaonice. Vergeblich versucht Heurtebise, sie davon abzubringen. Vor ihrem Haus wird auch sie von den Motorradfahrern getötet. Wieder führt die Prinzessin, mit Hilfe von Cégeste, Eurydice in die Unterwelt. Erschüttert vom Tod seiner Frau folgt Orphée Heurtebise in die Todeszone.
zurück zum Inhaltsverzeichnis
"Als 1993 in Weikersheim die bislang jüngste Glass- Oper 'Orphée' aufgeführt wird, geht es mit den ersten Takten [...] wie ein hörbares Lächeln durch die Ränge. Wieder ist es das [...] Glass-typische Klangbild, das [...] die Heiterkeit des Publikums hervorruft. Auch das jüngste Werk des Minimalisten trägt trotz seiner Wandelbarkeit im Detail die Handschrift seines Schöpfers überdeutlich."54Trotz der vielen Ähnlichkeiten, die diese Oper mit den anderen Bühnenwerken Glass' hat, sind doch einige signifikante Unterschiede hörbar.
"Wäre es doch möglich, die noch so schwachen Erinnerungen an einen vielleicht lange zurückliegenden Kinoabend vergessen zu machen! Bei Glass bleibt von dem Drehbuch allein der Dialog übrig, dem er seine Musik untergeschoben hat. "Orphée" - das Libretto, ist nicht mehr als ein Lesedrama, dem der Komponist kein neues Leben einhauchen kann. Trotzdem wird man dem Komponisten kaum vorwerfen können, daß ihm nichts eingefallen ist. Ganz im Gegenteil! Merkmal dieser neuen Flut von Einfällen ist eine Musik, die weicher, anpassungsfähiger geworden ist. Dabei geht aber ein entscheidendes Wirkungsmerkmal seiner Musik immer mehr verloren: die Imaginationskraft der Dauer! Die Eindringlichkeit langer, manchmal quälend aufgebauter Klangflächen ist ihr abhanden gekommen, genauso wie die Macht der Kollektive, denn "Orphée" ist eine Oper ohne Chor."Reinhard Ermen
"Der amerikanische Komponist Philip Glass hat den in der Geschichte der Musik erstmaligen Versuch unternommen, einen Film in eine Oper umzuwandeln."Philipp Contag-Lada
"Glass läßt die Musik immer wieder unvermittelt abbrechen; der einem harten Filmschnitt ähnliche Effekt und andere Kniffe wie die zeitlupenartige Zerdehnung mancher Passagen korrespondierten allerdings nur unzulänglich mit dem Geschehen auf der Bühne. Der Komponist fand eingängige Klänge, die trotz der obligatorisch repetitiven Formen auf die bohrend- agressive Wirkung des fast immer Gleichen verzichten. Die Musik klingt sanft und watteweich, bedrohlich und böse wirkt sie nicht einmal in den Unterweltszenen."Josef Oehrlein
"Philip Glass offeriert wie gehabt seine eingeebneten minimalistischen Endlosschleifen. Philip Glass kann da nicht mithalten. Seine Partitur erreicht niemals dieses Niveau [des Films]. Keine schräge Modulation trübt das [...] nur selten in unmittelbaren Kontakt mit der Szene tretende, meist sanft wogende, immer transparente Dudeldu-Ostinato für gewöhnliches Orchester und Keyboard." Monteverdis "Orfeo" [...] wirkt dagegen wie ein Moderner."Manuel Brug
"Wer freilich eine Erneuerung der Opernästhetik aus dem Geist filmischer Schnittechnik und Einstellungen erwartete, sah sich getäuscht. Die Dissonanzlose Gleichförmigkeit seiner [Glass'] Klang-"Patterns" verkümmert zusehends zur beliebigen Unterfütterung, während auf der Bühne konventionelle Handlungsoper stattfindet."Michael Struck-Schloen
"Glass ist - wie gewohnt - nicht an psychologischer Tiefenwirkung [...] interessiert. Seine unermüdlich pulsierenden minimalistischen Kürzel verleihen dem Stoff einen Zug, der Cocteaus Alltagskunst mitunter ins Triviale entführt."Pedro Obiera
"Im zweiten Akt der Oper nehmen harmonische Züge und Ausdruckskraft der Musik zu. Sie unterstreicht mehr und mehr die Empfindungen und Motivationen der Handlungsträger. Dennoch bleibt der Gesang unabhängig und schwebt über dem unentwegten Fluß der Musik."Petra Schöbel
"Durch die unendliche Variation minimaler Melodiefetzen als Terrassenaufbau und Klangmobile versetzt Glass' Musik vor allem junge Zuhörer in Trance."Marieluise Jeitschko
"In den Opernhäusern der ganzen Welt treffen sich Jugendliche in Jeans mit gestandenen Opernliebhabern in Frack und Abendkleid, wenn Glass' Werke gespielt werden."Philipp Contag-Lada